Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Regelmäßige Vorsorge bei chronischer Nierenkrankheit (CKD)
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!
Ihre Nierenfunktion ist eingeschränkt und jetzt fragen Sie sich, welche Vorsorgemaßnahmen Sie treffen können oder sogar sollten? In diesem Artikel erfahren Sie, wie oft Sie zur Verlaufskontrolle zu Ihrem:r Ärzt:in gehen sollten, welche Werte untersucht werden und wie Sie bei all dem den Überblick behalten.
Warum ist es wichtig meine Nierenfunktion regelmäßig zu kontrollieren?
Eine chronische Nierenkrankheit (=CKD) ist nicht gleich der anderen. Eine der Hauptaufgaben Ihrer Niere stellt die Reinigung des Blutes dar. Wie viel Blut Ihre Niere pro Minute reinigt, kann durch die Berechnung der glomerulären Filtrationsrate (=GFR) bzw. der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (=eGFR) dargestellt werden. Um die GFR zu berechnen, wird u. a. die Menge an Urin benötigt, die Sie in 24 Stunden ausscheiden (=24-Stunden-Sammelurin). Das ist recht umständlich. Zur Berechnung der eGFR braucht man diesen Wert nicht, weshalb die eGFR häufiger zur Kontrolle der Nierenfunktion verwendet wird. Mit der GFR lässt sich die CKD grob in 5 Stadien einteilen, wobei die Funktion Ihrer Niere von Stadium 1 bis Stadium 5 immer weiter abnimmt:
Stadium der chronischen Nierenkrankheit
eGFR-Wert
Stadium 1
>/= 90 ml/min
Stadium 2
60 - 89 ml/min
Stadium 3
30 - 59 ml/min
Stadium 4
15 - 29 ml/min
Stadium 5 (=„Nierenversagen“)
< 15 ml/min
Wenn kein anderer Hinweis für ein Problem mit Ihrer Niere vorliegt - wie beispielsweise eine erhöhte Menge an Eiweiß im Urin (=Proteinurie) - gelten Stadium 1 und 2 nicht als Krankheit. Diese beiden Stadien machen einfach darauf aufmerksam, dass Ihre Nieren nicht mehr so gut funktionieren wie früher.
Doch nur weil Ihre chronische Nierenkrankheit einmal einem bestimmten Stadium zugeordnet wurde, heißt das nicht, dass das auch so bleibt. Vielleicht hat Ihr:e Ärzt:in auch schon einmal von der Progression Ihrer CKD gesprochen. Eine schnelle Progression bedeutet, dass Ihre Nierenfunktion rasch abnimmt. Bei einer langsamen Progression bleiben Ihre Nierenwerte und damit die Funktion Ihrer Niere auf lange Sicht gesehen relativ gleich. Um einen Überblick über den Verlauf zu behalten und bei fortschreitender Verschlechterung so früh wie möglich eingreifen zu können, ist es wichtig, dass Sie die Funktion Ihrer Nieren in regelmäßigen Abständen von Ihrem:r Hausärzt:in oder Ihrem:r Nephrolog:in kontrollieren lassen. Das empfohlene Zeitintervall für die Kontrolluntersuchungen richtet sich vor allem nach dem aktuellen Stadium Ihrer CKD.
Wie häufig sollte ich meine Nierenfunktion kontrollieren lassen?
Um festzulegen, in welchem Stadium sich Ihre CKD befindet, spielt zusätzlich zur GFR/eGFR die Menge an Eiweiß (=Protein) eine wichtige Rolle, die Sie über den Urin ausscheiden. Damit Ihr Arzt den zeitlichen Abstand zwischen Ihren Kontrolluntersuchungen festlegen kann, werden beide Werte berücksichtigt. Vereinfacht zusammengefasst, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) Folgendes:
Bis zu einer GFR von 45 ml/min sollten Sie mindestens einmal jährlich zur Kontrolle gehen.
Unterschreitet Ihre GFR 45 ml/min, wird empfohlen, mindestens zwei Mal im Jahr zur ärztlichen Kontrolle zu gehen.
Beträgt Ihre GFR weniger als 15 ml/min, wird mindestens vier Mal im Jahr eine Kontrolluntersuchung empfohlen. Je nach Ausmaß ist in diesem Stadium schon eine Dialysetherapie notwendig. In diesem Fall gelten wieder andere Richtlinien.
Doch was genau wird bei diesen Verlaufskontrollen normalerweise von Ihrem:r Nephrolog:in untersucht?
eGFR und Serumkreatinin
Im Rahmen der festgelegten Verlaufskontrollen sollte immer die eGFR bestimmt werden. Wie oben schon angesprochen, handelt es sich um die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate, die angibt, wie viel Blut Ihre Nieren pro Minute reinigen. Zur Berechnung dieses Wertes benötigt man verschiedene Informationen. Dazu zählt die Menge an Kreatinin in Ihrem Blut (=Serumkreatinin). Kreatinin ist ein sogenanntes „Abfallprodukt“, das vor allem bei der Energiegewinnung Ihrer Muskeln im Körper anfällt und über die Niere ausgeschieden wird. Kann die Niere Ihr Blut nicht mehr wie gewohnt reinigen, bleibt mehr Kreatinin zurück und es kommt zu einem Anstieg des Serumkreatinins.
Der Serumkreatinin-Wert und der eGFR-Wert geben somit Auskunft über Ihre Nierenfunktion und werden zur Verlaufskontrolle mit Ihren vorherigen Werten verglichen. So erhalten Sie und Ihr:e behandelnder:e Ärzt:in Auskunft über die Entwicklung Ihrer CKD. Damit kann auch die oben beschriebene Progression Ihrer chronischen Nierenkrankheit genau im Auge behalten werden.
Blutdruck
Ein zu hoher Blutdruck (= Hypertonie) kann sowohl eine Ursache für eine chronische Nierenkrankheit als auch ihre Folge sein. So ist ein dauerhaft erhöhter Blutdruck für Ihre Niere nicht gesund und kann auch Ihr Herz-Kreislauf-System belasten. Daher sollte Ihr Blutdruck nicht nur im Rahmen der Kontrolluntersuchungen gemessen, sondern auch regelmäßig von Ihnen zu Hause kontrolliert werden. Ganz generell sollte Ihr Blutdruck dabei Werte von 140/90 mmHg nicht überschreiten. Kommt es dennoch regelmäßig zu hohen Blutdruckwerten, warten Sie nicht bis zum geplanten Kontrolltermin, sondern wenden Sie sich schon früher an Ihre:n Ärzt:in.
Eiweiß im Urin
Wenn die Niere Ihr Blut reinigt und den „Abfall“ über den Urin ausscheidet, ist normalerweise nur wenig Eiweiß (=Protein) enthalten. Bei chronischer Nierenkrankheit kann es jedoch zur vermehrten Ausscheidung von Eiweiß über den Urin kommen (=Proteinurie). Die Menge an Eiweiß im Harn sollte im Rahmen Ihrer ersten Diagnose bereits einmal ermittelt worden sein. Wurden in diesem Fall erhöhte Mengen an Eiweiß im Urin nachgewiesen (mehr als 30 mg/g), dann sollte eine Kontrolle in regelmäßigen Abständen im Rahmen Ihrer Verlaufskontrollen erfolgen. Dazu wird in der Regel der sogenannte Albumin-Kreatinin-Quotient (=ACR) ermittelt.
Diabetes mellitus
Die Hauptursache für die Entstehung einer chronischen Nierenkrankheit ist die sogenannte Zuckerkrankheit (=Diabetes mellitus). Hohe Blutzucker-Werte schädigen jedoch nicht nur die Niere, sondern belasten – wie hoher Blutdruck auch – Ihr Herz-Kreislauf-System. Daher steht die optimale Einstellung des Blutzuckers im Vordergrund.
Bei einer bestehenden Zuckerkrankheit werden neben Ihrem Nüchternblutzucker-Wert (=Blutzucker gemessen 8 Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme) und Ihrem HbA1c (=Langzeitblutzucker-Wert) regelmäßig Ihre Nierenfunktion und die Menge an Proteinen in Ihrem Urin untersucht. Dafür wird häufig der oben angesprochene ACR-Wert verwendet. Für genauere Informationen hierzu sprechen Sie am besten mit Ihrem:r behandelnden Ärzt:in.
Anämie
Die Niere übernimmt in Ihrem Körper verschiedene Aufgaben. Unter anderem regt sie die Bildung von neuen roten Blutkörperchen (=Erythrozyten) an. Ihre roten Blutkörperchen bestehen zu einem großen Teil aus dem roten Blutfarbstoff - dem Hämoglobin. An diesen roten Blutfarbstoff bindet der Sauerstoff und wird auf diesem Weg von Ihren roten Blutkörperchen von einer Zelle zur nächsten transportiert.
Wenn die Funktion Ihrer Niere eingeschränkt ist, kann es sein, dass Ihr Körper weniger rote Blutkörperchen bildet. Damit steht auch weniger Hämoglobin für den Sauerstofftransport zur Verfügung. Zu wenig Hämoglobin im Blut wird auch als Blutarmut bzw. Anämie bezeichnet. Wenn Sie eine Anämie haben, kann es sein, dass Sie sich häufig müde fühlen, vor allem bei Anstrengung schlechter Luft bekommen und blass sind.
Liegt der Hämoglobinwert (=Hb) bei Frauen mit chronischer Nierenkrankheit unter 12 mg/dL und bei Männern unter 13 mg/dL, spricht man von einer Blutarmut (=Anämie).
Da das Risiko für die Entwicklung einer Anämie bei Menschen mit chronischer Nierenkrankheit höher ist als bei Nierengesunden, sollte der Hb-Wert regelmäßig bestimmt werden:
Liegt Ihre GFR unter 45 ml/min, sollten Sie Ihren Hämoglobin-Wert durch eine Blutabnahme mindestens einmal im Jahr bestimmen lassen.
Beträgt Ihre GFR weniger als 30 ml/min, sollte die Bestimmung zweimal im Jahr erfolgen.
Neben einer Einschränkung der Nierenfunktion kann auch ein Eisenmangel zur Anämie führen. Wurde bei Ihnen eine Blutarmut festgestellt, sollten zusätzlich die Laborparameter Ferritin und die Transferrinsättigung bestimmt werden, um einen Eisenmangel als mögliche Ursache zu bestätigen oder zu widerlegen. Bei Rückfragen und Unklarheiten steht Ihnen aber auch jederzeit Ihr betreuendes Ärzteteam zur Seite.
Weitere Laborwerte
Weitere wichtige Laborwerte bei chronischer Nierenkrankheit sind: Vitamin D, Calcium, Phosphat und das Parathormon.
Vitamin D hat einen großen Einfluss auf unsere Knochenstabilität und wird sowohl über die Nahrung aufgenommen als auch vom Körper selbst gebildet. Doch egal wie der Körper zu seinem Vitamin D kommt, damit es seine Funktionen im Körper ausüben kann, muss es von der Niere aktiviert werden. Daher kann eine chronische Nierenkrankheit zu einem Mangel an aktivem Vitamin D führen; in der Folge kann es zu weniger Stabilität in den Knochen kommen.
Die Stabilität der Knochen entsteht u. a. durch den Einbau von Calcium und Phosphat, das über die Nahrung aufgenommen wird. Für ausreichend Calcium im Blut sorgt neben Vitamin D das sogenannte Parathormon, das in der Nebenschilddrüse gebildet wird. Dabei wirkt sich Vitamin D positiv auf die Knochenstabilität aus, indem es den Einbau von Calcium in den Knochen fördert. Das Parathormon hingegen sorgt dafür, dass Calcium aus den Knochen freigesetzt wird. Zu viel Parathormon kann die Knochen also schwächen.
Auch wenn eine chronische Nierenkrankheit schon in frühen Stadien Einfluss auf den Knochenstoffwechsel haben kann, führt dies jedoch häufig erst in späteren Stadien zu Symptomen. Liegt Ihre GFR unter 30 ml/min, sollten diese Werte daher auf jeden Fall bestimmt werden. Davor wird es nicht routinemäßig empfohlen. Wie häufig eine Kontrolle danach stattfinden soll, ist sehr individuell und sollten Sie am besten direkt mit Ihrem:er Nephrolog:in besprechen.
Medikamente und chronische Nierenkrankheit
Viele Medikamente werden über die Niere ausgeschieden und können dadurch ihre Funktion beeinträchtigen. Daher sollten die Medikamente, die Sie dauerhaft einnehmen, einmal im Jahr von Ihrem:er Ärzt:in kontrolliert und gegebenenfalls auf nierenfreundlichere Präparate umgestellt werden. Außerdem kann es zu einer langsameren Ausscheidung von Medikamenten kommen. Dadurch kann es notwendig sein, die Dosis anzupassen.
Was ist eine Progression?
Das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit und die damit verbundene Abnahme der Nierenfunktion wird in Fachkreisen oft auch als Progression bezeichnet. Dabei gibt es einige hilfreiche Instrumente, mit deren Hilfe Ihr Ärzteteam feststellen kann, ob eine Progression der CKD vorliegt. Zu diesen Hinweisen zählen:
Rückgang der eGFR um >25 % gegenüber dem Ausgangswert
Abnahme der eGFR um >5 mL/min pro Jahr
Übergang in ein neues CKD-Stadium
Auftreten neuer Symptome (z. B. Müdigkeit, Wassereinlagerungen)
Wie schnell schreitet die Nierenkrankheit voran?
Das hängt davon ab, wie gut die Risikofaktoren kontrolliert sind. Es gibt Patienten, deren eGFR über Jahre hinweg stabil bleibt. Das entspricht fast dem natürlichen Alterungsprozess. In anderen Fällen zeigt sich ein schneller Abfall der eGFR von mehr als 5 mL/min pro Jahr. Das gilt vor allem bei unbehandeltem Bluthochdruck, Diabetes, Eiweiß im Urin oder Medikamentenpausen.
Grundsätzlich gilt: Eine chronische Nierenkrankheit schreitet vor allem in den frühen Stadien oft langsam voran. Wenn die Risikofaktoren gut kontrolliert sind, können viele Jahre vergehen, bevor es zu einem Fortschreiten und dem Übergang in das nächste Stadium kommt. Selbst ein Fortschreiten bis hin zur Dialyse, die erst in den fortgeschrittenen Stadien (CKD 4 und 5) notwendig werden kann, dauert häufig Jahrzehnte und wird in vielen Fällen nie erforderlich.
Anders sieht es aus, wenn wichtige Risikofaktoren nicht gut eingestellt sind oder Medikamente nicht zuverlässig eingenommen werden. Dann kann sich die Nierenfunktion deutlich schneller verschlechtern und ein Fortschreiten in das nächste Stadium oder sogar bis zur Dialyse bereits nach wenigen Jahren eintreten. Wie schnell das genau geht, hängt zusätzlich davon ab, wie hoch Ihre Nierenfunktion zum Zeitpunkt der Diagnose ist.
Sie sehen also: Eine pauschale Aussage ist kaum möglich. Aber wie verlässlich Sie die Therapieempfehlungen Ihres Ärzteteams umsetzen und wie gut es Ihnen gelingt, gesunde Verhaltensweisen in Ihren Alltag zu integrieren, spielt eine sehr wichtige Rolle. Sie selbst können also viel dazu beitragen, dass Ihre chronische Nierenkrankheit nur langsam oder möglicherweise gar nicht fortschreitet.
Was schützt vor einer Progression?
Die gute Nachricht: Sie können aktiv etwas tun, um das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit zu verlangsamen. Die stärksten evidenzbasierten Schutzfaktoren sind:
Gut eingestellter Blutdruck (< 120/80 mmHg)
Stabiler Blutzucker: individueller Zielwert je nach Nierenfunktion
Eiweiß im Urin: Reduktion der Eiweißausscheidung (UACR) über Medikamente
Regelmäßige Medikamenteneinnahme: Senkt das Risiko für eine Progression
Gesunde Ernährung: Anpassung der Kochsalz- und Proteinzufuhr
Regelmäßige Bewegung: Mindestens 30 Minuten moderat intensive körperliche Aktivität pro Tag
Rauchen: Im Optimalfall einstellen oder reduzieren
Zusammenfassung
Wie häufig Sie zur Verlaufskontrolle gehen sollten, hängt vor allem vom Stadium Ihrer chronischen Nierenkrankheit ab
Bei jeder Verlaufskontrolle sollte Ihre geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (=eGFR) bestimmt und Ihr Blutdruck gemessen werden - je nach Situation können auch noch andere Parameter wichtig sein
Einmal im Jahr sollte Ihre Dauermedikation überprüft und bei Bedarf auf nierenfreundlichere Präparate umgestellt und/oder die Dosis angepasst werden